
Hirnliga - Forschungspreis 2008
PD Dr. Manuela Neumann
Ludwig-Maximilians-Universität
München
Zentrum für Neuropathologie und Prionforschung
“Ubiquitinated TDP-43 in frontotemporal lobar degeneration
and amyotrophic lateral sclerosis”
Neumann et al. (2006): Science 314, 130-133
Die Frontotemporale Demenz (FTD) ist nach der Alzheimer-Demenz die
zweithäufigste Demenzform bei Patienten, die jünger als 65
Jahre sind. Frontotemporal steht hierbei für die Bereiche des Gehirns,
die vorrangig vom neuronalen Untergang betroffen sind. Die betroffenen
Areale sind unter anderem für Emotionen, das erlernte Sozialverhalten
und das Sprachvermögen zuständig. Demzufolge gehören
zu den vorrangigen Symptomen bei FTD ausgeprägte Veränderungen
der Persönlichkeit und starke Beeinträchtigung des sozialen
Verhaltens. Letztlich entwickeln sich häufig Sprachstörungen,
die sich in Wortfindungs-störungen, Sprachverständnisstörungen
bis hin zum vollständigen Verstummen äußern.
Bei der häufigsten Form der FTD treten pathologische Einschlusskörperchen
im Gehirn der Patienten auf, die sich mit dem unspezifischen Marker
Ubiquitin anfärben lassen (FTLD-U). Das eigentliche Protein, das
bei FTLD-U in den Nervenzellen verklumpt, war bislang nicht bekannt.
Ohne allerdings zu wissen, was eigentlich im Gehirn dieser Patienten
abgelagert wird, kann letztendlich auch der pathologische Prozess, der
zum Nervenzelluntergang bei FTD führt, nicht verstanden bzw. gezielt
verhindert werden. Wir haben deshalb aus postmortalen Gehirnproben von
Patienten mit FTLD-U die Einschlüsse angereichert und in Mäuse
injiziert, in der Hoffnung, dass die Tiere Antiköper gegen die
Proteinklumpen bilden. Mehr als 50.000 Antikörper wurden dann daraufhin
getestet, ob sie die Einschlüsse in erkrankten Gehirnen mit FTLD-U
erkennen.
Alle positiven Antikörper erkannten ein einziges Protein, das wir
als TDP-43 identifizierten. Überaschenderweise konnten wir zeigen,
dass TDP-43 nicht nur eine entscheidende Rolle bei sporadischen und
familiären Formen der FTLD-U spielt, sondern auch bei der Amyotrophen
Lateralsklerose (ALS), der häufigsten neuromuskulären Erkrankung,
wo es zu einem selektiven Verlust von motorischen Nervenzellen kommt.
Hier finden sich TDP-43 positive pathologische Einschlüsse in den
Nervenzellen des motorischen Nervensystems, womit erstmals belegt werden
konnte, dass es sich bei FTLD-U und ALS um zwei Varianten eines klinisch-pathologischen
Spektrums an Erkrankungen handelt, denen derselbe Pathomechanismus zugrunde
liegt.
Die genauen Mechanismen, die zur Ablagerung von TDP-43 führen sind
derzeit noch nicht bekannt. Wir konnten jedoch zeigen, dass TDP-43 im
Krankheitsprozess stark verändert vorliegt. So wird es etwa in
der Mitte gespalten, mehrfach chemisch modifiziert (z. B. durch Anhängen
von Phosphatgruppen und Ubiquitin) und liegt statt wie normal im Zellkern
nun im Zellleib vor, wo es letztlich die pathologischen Einschlüsse
ausbildet. Auch die normale Funktion von TDP-43 ist bislang nur unzureichend
bekannt, es scheint jedoch eine Rolle bei der Verarbeitung von mRNA
zu haben. RNA ist eine dem Erbmolekül verwandte Nukleinsäure
und trägt in Form der mRNA genetische Information aus dem Zellkern
in den Zellleib, wo diese dann in Proteine umgesetzt wird. Möglicherweise
kommt es durch die Umverteilung bzw. Modifikationen von TDP-43 zu einer
Störung der mRNA-Verarbeitung, die dann zu einem Verlust von wichtigen
Proteinen in der Nervenzelle führt und im Zelltod resultiert. Weiterhin
ist es möglich, dass die veränderten TDP-43 Proteine selbst
toxisch für die Zelle sind.
Die Identifizierung von TDP-43 als krankheitsassoziiertes Protein hat
ein komplett neues Feld auf dem Gebiet der Neurodegenerationsforschung
eröffnet. Da neueste Untersuchungen ergaben, dass auch bei etwa
20-30% der Patienten mit Alzheimer-Demenz zusätzlich TDP-43 Pathologie
vorhanden ist (Dickson et al. Vortrag AD/PD Kongress 2007, eigene unveröffentlichte
Ergebnisse), wird die Erforschung von TDP-43 vermutlich nicht nur zur
Aufklärung der pathologischen Prozesse und zur Entwicklung von
Therapieansätzen bei FTD und ALS dienen, sondern auch zum besseren
Verständnis anderer neurodegenerativer und dementieller Erkrankungen
führen.
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